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Odysseus und Telemachos

un waren Vater und Sohn in der Hütte allein. Da erschien Pallas Athene, die Göttin, vom der Pforte des Hofes in dem Gestalt einer schönen Jungfrau. Sie war nur dem Odysseus sichtbar und den Hunden, die sich winselnd vor ihr verkrochen, dem Telemachos nicht. Sie winkte den Dulder aus der Hütte zu sich an die Hofmauer und sprach zu ihm: "Du brauchst dich jetzt nicht mehr länger vor deinem Sohne zu verbergen. Gib dich ihm zu erkennen und gehe mit ihm hinab zur Stadt, dort bereitet dem Treiben der Freier ein blutiges Ende! Bald folge ich euch nach in den Palast, ich brenne vor Kampfbegier!" So sprach die Göttin. Hierauf berührte sie den Bettler mit ihrem goldenen Stab, und - o Wunder! - da verjüngte sich seine Gestalt, seine Schultern strebten empor, sein Antlitz straffte und bräunte sich, die Wangen wurden voller, dicht und lockig fiel das Haar vom Scheitel in den Nacken, und der gekräuselte Bart umrahmte wieder das Kinn. Das räudige Hirschfell schwand von seinen Schultern, Leibrock und Mantel umhüllten wie vordem den königlichen Leib. Die Göttin entwich, Odysseus trat in die Hütte ein. Staunend blickte ihm Telemachos entgegen, er glaubte einen Gott zu sehen, so sehr blendete ihn der Glanz, der von dem Vater ausging. Mit abgewandten Augen sprach er: "O Fremdling, wie bist du verändert! Du bist gewiss einer der Himmlischen. Lass dir opfern und sei uns gnädig!" "Nein, ich bin wahrlich kein Gott", entgegnete ihm Odysseus, "ich bin dein Vater, um den du dich so sehr gegrämt hast. Mein Kind, erkenne mich doch!" Dabei stürzten ihm die lange zurückgehaltenen Tränen aus den Augen, er eilte auf den Sohn zu und umarmte ihn. Telemachos aber konnte es noch nicht fassen, dass der Vater wirklich zurückgekehrt sei. "Nein", rief er verzweifelt, "du bist nicht Odysseus, du bist ein böser Dämon, der mich täuscht, damit ich nur noch tiefer im Leid versinke - ein Sterblicher kann sich nicht so verwandeln!" "Ich bin es dennoch!" sagte Odysseus und küsste schluchzend den Jüngling, der ihn ungläubig anstarrte. "Nach zwanzig Jahren kehrt Ithakas Fürst in die Heimat zurück. - Unsägliches hab ich erduldet! Das Wunder meiner Verwandlung ist Athenes Werk: leicht fällt: es den Göttern, einen Sterblichen bald zu erniedrigen, bald zu erhöhen." Nun erst umarmte Telemachos den Vater, auch seine Tränen rannen, der Gram überwältigte beide so heftig, dass sie laut und lange weinten. So herzzerreißend ertönte ihre Klage wie die Klage der Vögel, denen ein roher Bauernbursch die Jungen aus dem Nest raubte, noch ehe sie flügge wurden. Endlich fasste sich Telemachos wieder und fragte: "O Vater, sage mir doch, auf welchen Wegen du in die Heimat zurückkehrtest, was hielt dich so lange auf?" Da erzählte ihm Odysseus, wie es ihm seit Troia ergangen und wie ihn die treuen Phaiaken gepflegt und, während ihn süßer Schlaf umfangen, über das Meer gebracht hätten.,, Und nun bin ich da", so schloss er seine Erzählung, "um auf Athenes Geheiß über den Tod unserer Feinde mit dir zu beraten. Nenne mir die Zahl der Freier, damit ich weiß, ob wir beide sie zu bewältigen vermögen oder ob ich nach Helfern Ausschau halten muss."

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