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Odysseus als Bettler im Saal

umaios hatte den Palast betreten. Sogleich rief Telemachos ihn zu sich. Der Sauhirt blickte sich vorsichtig um, ergriff dann den leeren Stuhl des Fleischzerlegers, auf welchem dieser vor dem Mahle zu sitzen pflegte, und setzte sich seinem jungen Herrn gegenüber an den Tisch. Man reichte ihm Brot und Fleisch. Bald darauf wankte auch Odysseus, der Bettler, an seinem Stabe in den Saal. Auf der Schwelle aus Eschenholz ließ er sich nieder und lehnte den müden Rücken gegen den Türpfosten, der war aus einem kunstvoll geschnitzten Zypressenstamm. Sogleich nahte ihm, allen anderen unsichtbar, Pallas Athene, die hohe Zeustochter, und sprach: "Erbettle dir Nahrung von den Freiem, so kannst du die Bessergesinnten von den Bösewichtern unterscheiden und später jedem den Tod zuteilen, den er verdient, diesem einen grausamen, jenem einen milden. Doch sterben müssen sie alle!" So ging denn Odysseus mit ausgestreckter Hand von einem zum andern, wie Bettler tun. Mancher zeigte sich mitleidig und gab ihm etwas, und es entstand ein Gefrage unter den Freiem: "Wer ist der Mann? Wo kommt er her?" Da erhob sich Melanthios, der treulose Ziegenhirt, und rief: "Ich traf den Burschen zuvor am Brunnen, der Sauhirt hat ihn vom Gebirge herabgeführt!" Heftig fuhr Antinoos auf Eumaios los und schrie ihn an: "Verfluchter Sauhirt, haben wir in der Stadt nicht schon genug Landstreicher? Was musst du uns auch noch diesen Fresser in den Saal schleppen?" Gelassen blickte Eumaios auf und sagte: "Du bist ein harter Mann, Antinoos. Den Seher, den Arzt, den Baumeister, den Sänger, der uns mit seinen Liedern erfreut, sie alle beruft man gerne in die Paläste der Großen - den Bettler lädt niemand ein, er kommt von selbst, aber man jagt ihn auch nicht hinaus." Weiß vor Wut über die gütige Rede des Sauhirten erhob sich Antinoos von seinem Sitz und rief: "So will ich diesen da beschenken, dass er drei Monate lang das Haus nicht wieder betritt!" Damit packte er seinen Fußschemel und schleuderte ihn dem Odysseus nach, der sich gerade wieder von den Tischen zu seinem Platz auf der Schwelle zurückzog. Das Holz traf ihn mit Wucht an dem Schulter, doch Odysseus stand unerschütterlich wie ein Fels. Schweigend schüttelte er sein Haupt und sann auf Rache. Er setzte sich hin, legte den mit Gaben gefüllten Ranzen neben sich auf den Boden und erhob Klage über die Kränkung, die ihm Antinoos zugefügt. Dieser aber rief dem Bettler zu: "Schweig endlich und friss, oder packe dich, sonst lasse ich dich an Hand und Fuß über die Schwelle schleifen, dass dir die Glieder bluten!" Diese Rohheit empörte selbst die Freier, und einer von ihnen sprach: "Du tust nicht wohl, Antinoos, diesen Unglücklichen zu misshandeln. Wie, wenn er ein Himmelsbote in Menschengestalt wäre? Bisweilen verhüllen die Götter sich so." Aber Antinoos schlug diese Warnung höhnisch in den Wind. In ihrem Frauengemach saß Penelope, die Königin. Sie hörte alles, was im Saale vorging. Sie empfand Mitleid mit dem Bettler und schickte eine ihrer Dienerinnen zu Eumaios. "Bring mir den Sauhirten hierher", befahl sie.

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