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Alkinoos empfängt Odysseus und fordert ihn auf,
seine Abenteuer zu erzählen

ausikaa hatte den väterlichen Palast erreicht, als Odysseus den heiligen Hain verließ und gleichfalls den Weg nach der Stadt einschlug. Er hatte im Schatten der Pappeln zu Athene, seiner Beschützerin, gebetet, und nun trat ihm die Göttin vor dem Tore in der Gestalt eines Phaiakenmädchens entgegen, einen Wasserkrug in der Hand. Er fragte sie nach dem Königshause, und Athene zeigte ihm freundlich den Weg dahin. Odysseus betrat die Stadt, bewunderte die treffliche Anlage des Hafens und betrachtete voll Schauer den prächtigen Tempel des Meergottes Poseidon, den die Phaiaken als tüchtige Seefahrer, die sie waren, besonders verehrten; mit Pfeil und Bogen machten sie sich weniger zu schaffen. Auf dem Marktplatz, den Odysseus überquerte, wurden Seile gedreht und Ruder geschnitzt und allerlei anderes Schiffsgerät feilgeboten. Kein neugieriger Blick, kein zudringliches Wort störten den Fremden, Athene entzog ihn gnädig allen Blicken. Er gelangte ungesehen bis vor den Palast, der hell wie die Sonne strahlte. Hinter der Schwelle des äußeren Tores umfingen den Eintretenden Wände aus gediegenem Erz mit Simsen aus bläulichem Stahl. Die Türe zur inneren Wohnung hing in silbernen Pfosten, die auf eherner Schwelle ruhten, und war ganz aus purem Gold. Goldene und silberne Hunde, unvergleichliche Meisterwerke des Götterschmiedes Hephaistos, standen zu beiden Seiten als drohende Wächter. Im Garten des Königs reiften die saftigsten Birnen und Äpfel, gediehen die süßesten Feigen und zartesten Oliven. Ein Quellbach schlängelte sich zwischen den Bäumen dahin, ein zweiter sprudelte unterhalb der Schwelle des Hofes, ganz dicht am Palaste, hervor. Aus ihm schöpften die Bürger ihr Wasser. Im Palaste waren fünfzig Dienerinnen beschäftigt, die einen mahlten auf der Handmühle Getreide, die anderen wirbelten die Spindel, wieder andere woben feines Gewebe. Im großen Saal standen an den Wänden bequeme Sessel, mit Teppichen belegt, auf welchen die Fürsten beim Königsmahl zu sitzen pflegten; und sie saßen dort oft und lange, denn dies Volk liebte festlichen Schmaus und Umtrunk sehr, desgleichen Gesang und das Wort der Dichter. Goldene Jünglingsstatuen mit brennenden Fackeln in der erhobenen Hand leuchteten den Gästen beim nächtlichen Mahl. Als Odysseus den Palast betrat, fand er die Fürsten beim Schmaus. Er durchschritt den Saal und blieb vor dem Thronsitz der Königin Arete stehen. Auf einen Wink Athenes wurde Odysseus sichtbar, warf sich vor der Königin nieder und umfasste ihre Knie. "Schutzflehend nahe ich mich dir und deinem hohen Gemahl", rief er. "Erbarmet euch mein! Wie ein Verbannter irre ich in der Fremde umher. Helft mir, dass ich die Heimat wiedersehe! Mögen euch die Götter dafür Gesundheit und langes Leben schenken!" Nach diesen Worten erhob er sich vom Boden, ging zum offenen Herd, auf welchem das Feuer brannte, und setzte sich dicht daneben demütig in die erkaltete Asche. Die Phaiaken waren vor Staunen stumm. Bald aber brachen sie ihr Schweigen und riefen: "O König, es schickt sich nicht, dass dieser Mann in der Asche hockt! Edel scheint uns der Fremdling, so biete ihm einen Sitz an und befiehl den Herolden, neuen Wein zu mischen, wir wollen Zeus, dem Beschirmer der Gastfreundschaft, ein Trankopfer darbringen!"

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